Erwiederung auf den Artikel über die Reaktorkatastrophe in Fukushima aus der letzten AStA-Pronto

Am 26. April 2011 jährt sich die Katastrophe von Tschernobyl zum 25. Mal. Ein verheerendes Erdbeben, ein Tsunami, tausendfaches Leid und Tod später kommt es in der japanischen Präfektur Fukushima zu einer radioaktiven Katastrophe. Stufe 7, wie Tschernobyl. Ein Vierteljahrhundert nach der Explosion des Reaktors 4 in der Ukraine, nur 70 Kilometer von der dortigen Hauptstadt Kiew entfernt. Die Welt verändert sich nicht damals, sondern heute. Denn damals hieß es Deutschland ist nicht die Sowjetunion, die Sowjetunion ist nicht Deutschland“ (Helmut Kohl). Japan ist aber wie Deutschland: hoch technisiert, ein Wirtschaftsmotor in der Welt und beide Länder schwören auf die Sicherheit ihrer jeweiligen Atommeiler.

Nicht nur die GRÜNE HOCHSCHULGRUPPE war schockiert von den Bildern aus Japan. Nicht nur wir nahmen an Mahnwachen und Anti-Atom-Demos teil. Alle sind davon überzeugt, dass es diesmal einfach nicht mehr weitergehen kann, wie bisher. Uns fällt es jedoch schwer, eine direkte Verbindung zwischen dem erschütternden Ereignis in Japan und der universitären Forschung, insbesondere an der Viadrina, zu ziehen. Die Art und Weise, wie Fukushima als neues Synonym für die Definition von Restrisiko“, mit dem erhobenen Zeigefinger an die Hochschule gezerrt werden sollte, löste bei uns großes Unverständnis aus.

Ja, ohne Forschung hätten wir keine Solaranlagen auf Dächern, keine Windräder auf offener See, keine Pumpspeicherkraftwerke und keine Erdkabel. Ebenso wenig Atomkraftwerke. Doch, unabhängig davon, dass wir in Frankfurt (Oder) keine in der Thematik involvierte Forschung haben, hat Forschung nicht, die Aufgabe nur das zu erforschen, was ethisch-gesellschaftlich gerade en vogue ist. Tagespolitik kann und darf Forschung nicht sein, und auch nicht beeinflussen. Die Funktion der Forschung in einer Gesellschaft ist grundlegend. Sie gibt die Möglichkeiten, neue Wege zu beschreiten, wie etwa erneuerbare Energie, Energie-Suffizienz und neue Formen der Definition von Wachstum. Es ist aber die Aufgabe der Gesellschaft und ihrer Vertretung, der Politik, bei Kenntnis aller Fakten, eine ethische Bewertung dieser Forschungsergebnisse vorzunehmen und zu entscheiden, welchen Weg die Gesellschaft einschlägt. Dass es hier unterschiedliche Ansichten gibt, zeigt uns nicht nur die Atompolitik. Ein gesellschaftlicher Konsens muss gefunden werden, um Forschungsergebnisse richtig bewerten und einschätzen zu können. Die Frage nach dem Ob, Wie, Wann, Wo, Wie viel und Wozu hat die Gesellschaft zu beantworten, wobei unsere Meinung hinreichend bekannt sein sollte. Die Forschung kann hier nur Möglichkeiten aufzeigen. Artikel 5 Absatz 3, 1. Satz unseres Grundgesetzes sagt: Kunst und Wissenschaft, Forschung und Lehre sind frei.“ Auch deshalb liegt die Verantwortung für eine neue Energiepolitik nicht primär bei der Forschung, sondern bei uns. Und zwar bei uns allen, die wir das Handeln der Gesellschaft selbst in die Hand nehmen können und müssen. Eine Konstruktion zu finden, um das Unglück aus Fukushima nun zur hochschulpolitischen Angelegenheit zu machen, finden wir absurd!

Eure GRÜNE HOCHSCHULGRUPPE (für die AStA-Pronto)